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Hier geht´s direkt zum Mainzer Institut für Buchwissenschaft: www.buchwissenschaft.uni-mainz.de

www.skriptorium.at   bietet einen weltweiten Überblick über die schönsten und zugleich bedeutendsten Faksimile-Ausgaben mittelalterlicher Handschriften und hat uns verlinkt!

 

Einführung

Die Kunst des heilsamen Sterbens beschäftigte im vergangenen Sommersemester 26 Studentinnen des Mainzer Instituts für Buchwissenschaft. Im Rahmen einer Übung wurde der kühne Versuch unternommen, das um 1470 entstandenen Blockbuch faksimilierend nachzuschöpfen.

Blockbücher entstanden in einer relativ kurzen Zeitspanne, fast zeitgleich mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks. Es sind Bücher, bei denen jede Seite komplett in eine Holzplatte geschnitten wurde. Mit diesen Druckstöcken konnte man beträchtliche Auflagen fertigen; dennoch wurde das xylografische (holzgeschnittene) Buch sehr bald vom Bleisatz verdrängt. Es sind nur wenige Blockbücher bis heute erhalten geblieben. Sie alle sind bibliophile Kostbarkeiten und über die Museen und Bibliotheken der ganzen Welt verstreut.

Bei Ars Moriendi handelt es sich um eine mittelalterliche Sterbelehre, deren überzeitlicher Text seine Aktualität bis heute bewahrt hat. In einer verbindlich gewordenen Illustrationsfolge sind über die Jahrhunderte mehrere Kopien der Ars Moriendi entstanden. Eine Besonderheit der von uns ausgewählten Version besteht darin, dass hier der Text erstmals in deutscher Sprache vorliegt – zwei Generationen vor Luther! Über die Erschaffer unseres Buches und die Umstände seiner Entstehung ist so gut wie nichts überliefert. Es wird jedoch angenommen, dass man es einem Dominikaner-Orden zuschreiben kann. Unser Exemplar überdauerte die Jahrhunderte eingelegt zwischen die Seiten eines anderen Buches in der Fürstenbergischen Bibliothek. Diesem Umstand verdanken wir seinen extrem guten Erhaltungszustand. Es ist weltweit das einzige komplett erhaltene Exemplar, Fragmente eines weiteren Heftes sind im Besitz einer Britischen Bibliothek. Eine Tatsache, die auf den ausgesprochenen Gebrauchscharakter dieser Bücher hinweist.

Das Faksimile-Projekt wurde dadurch begünstigt, dass sich das Original dieser speziellen Ars Moriendi im Besitz des Gutenberg-Museums befindet und für die Studentinnen einsehbar war. Es befindet sich dort im begehbaren Tresorraum neben den Gutenberg Bibeln. So war das Arbeiten in großer Nähe zum Original möglich. Zudem existiert eine sehr gute Reproduktion des Antiquariats Bibermühle von Heribert Tenschert, dem wir viele Erläuterungen und auch die Übertragung des z.T. schwer entzifferbaren Textes verdanken. Ars Moriendi bietet sich zum Nachdrucken an, weil sie eine sehr kleines Format (Reclam-Heftchen) besitzt, unaufwändig gebunden ist, wenig Seiten hat und - vor allen Dingen - komplett erhalten ist.

Alle Teilnehmerinnen bekamen den Arbeitsauftrag, eine der 26 Seiten zu erstellen. Jeder einzelne Arbeitsschritt wurde dabei möglichst originalgetreu nachvollzogen - vom Schreiben der mittelalterlichen Bastarda-Type und Übertragen der Motive auf einen Druckstock über das Schneiden dieser Formen und anschließende Drucken, bis hin zum Kolorieren mit historischen Pigmenten und dem Einbinden in eine Pergamentdecke. Da die Arbeitszeit innerhalb eines Semesters sich als recht knapp erwies, begann ich diesen Werkstattbericht im Internet zu führen. Es ermöglichte es mir, auch zwischen der wöchentlichen Sitzungen mit den Kursteilnehmerinnen die Auseinandersetzung zu vertiefen und voran zu treiben. Ich richte mich daher in den nachfolgenden Texten immer an meine Studentinnen.

Es sind noch einige Exemplare verfügbar, wenn Sie Interesse an unserem Buch  oder Fragen dazu haben, freue ich mich über Ihren Kontakt!

 

Um die Ladezeit zu verkürzen habe ich nachfolgend einige Themenbereiche auf Extraseiten zusammengefasst.

 

 unsere Ars Moriendi   

  Farbvorlagen des Originals   

  Arbeitsschritte beim Binden      

 Bilder und Filme über das Drucken  

 Über die Farben, Farbpigmente

 Über die Schrift 

 Einige Gedanken über Holz  

 Transkription des Textes aus dem Mittelhochdeutschen 

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Dies war die Arbeitsteilung im Mittelalter:

 

1. der Reißer, er entwarf - oder kopierte wie in unserem Fall - ein vorhandenes Buch

2. der Formschneider, er schnitt die Form ins Holz

3. der Brieffmaler, er kolorierte. (Interessant: Manche Bücher wurden schwarz/weiß 

ausgeliefert und erst beim/vom Kunden ausgemalt. )

Sicher war es auch möglich, dass mehrere oder gar alle Produktionsschritte

in einer Hand lagen.

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Vergleich unseres Blockbuchs mit einem seinem Vorläufer

 

Dieses ist eines von drei Blättern einer xylographischen Ars Moriendi, die sich in der Frankfurter Stadt-

und Universitätsbibliothek erhalten haben. Dieses Buch war noch wesentlich kunstvoller als unseres gefertigt. 

Es hatte einen lateinischen Text und war bedeutend größer (Höhe ca. 20 cm).

Die Bilder aller Ars Moriendi gehen auf eine Kupferstichfolge des Meisters E.S. zurück, die die "Urbilder" abgaben.

 

Links die entsprechende Seite aus dem Exemplar der Gutenberg-Museums. 

(Abbildung aus dem Repro-Faksimile von Heribert Tenschert, die Farben sind hier zu gelbstichig.)

Man beachte, dass das Motiv nun spiegelverkehrt erscheint! Ein Hinweis auf die Abklatsch-Technik.

Rechts unser Faksimile. Das Papier ist noch nicht vergilbt, es fehlt die Patina.

Von Kopie zu Kopie gehen Feinheiten und Details verloren, niemand  trifft mehr kreative Formentscheidungen. 

Bei den Kopievorgängen findet kein aktives Gestalten mehr statt, 

Fehler und Versäumnisse dagegen summieren sich.

Es sind 13 Versionen der Ars Moriendi bekannt, unseres ist eines der späten Exemplare, bezeichnet als Ausgabe XII.

Viele Versionen der Ars Moriendi sind nur fragmentarisch erhalten. Auch die zweite erhaltenen Ausgabe unserer 

Version ist nicht vollständig. 

Nur in den letzten drei Versionen liegt der Text in deutscher Sprache vor. Auch in dieser Hinsicht ist unser Exemplar

einzigartig, da die anderen beiden deutschen Versionen handschriftlichen Text besitzen.

 

Literatur hierzu: 

Ars Moriendi : die Kunst des heilsamen Sterbens, Faksimile des Donaueschinger Exemplars. Heribert Tenschert, Bibermühle, 1995

Gutenberg-Gesellschaft und Gutenberg-Museum (Hrsg.), "Blockbücher des Mittelalters - Bilderfolge als Lektüre", von Zabern, 1991

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Zum Papier

Da unser Buch über die Jahrhunderte in ein anderes Buch eingelegt war, ist es sehr gut erhalten.

Das Papier war ehemals weiß und ist nun gräulich, nicht gelblich!

Ein sehr ungewöhnlicher Farbton, der bei neuen Papieren kaum zu finden ist, allenfalls bei Japanpapieren. 

Wir müssen uns also entscheiden, entweder ein (natur-) weißes Hadernbütten zunehmen und 

auf die Patina zu warten oder ein getöntes Papier.

Hierbei stehen und aber nur "falsche", gelbliche Farbtöne zur Verfügung. Ich tendiere zu weißem Hadernbütten.

Hadernbütten ist ein handgeschöpftes Büttenpapier ohne Laufrichtung auf der Grundlage von Baumwolle -

daher der Name Hadern = Lumpen. Es ist säurefreie und daher alterungsbeständig.

 

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Verschiedene Bearbeitungsstadien

 

Bei dieser Platte ist die Schrift ist sehr genau herausgearbeitet und sieht im Druck sicher gut aus. 

Die Schneidetiefe ist ok. Am Initial wurde der Rand vergessen und überschnitten. 

Denkt an den Rand!!! Er ist zwar unscheinbar

aber dennoch eines der  wichtigsten Gestaltungselemente des gesamten Buchs.

Wenn so etwas passiert - oder ein Buchstabe verschnitten wurde - oder die erste Zeile schlecht wurde - oder

die Nase weg ist, oder, oder, oder: Weitermachen!

Wir wollen nicht demonstrieren, wie perfekt wir das können, sondern den Verlauf unserer 

Auseinandersetzung mit den praktisch/handwerklichen Aspekten des Ars Moriendi dokumentieren. 

Es kommt auf den Gesamteindruck an, und der wird nicht verändert durch die eine 

oder andere fehlende oder kaputte Linie.  Eine Platte darf ruhig zeigen, dass der Schneider zu Beginn noch unsicher war, 

sich aber bis zum Ende gut eingearbeitet hat. Bedenkt: Die Schneider im 15. Jahrhundert hatten vielleicht ein ganzes Leben,

um sich in die Technik einzuarbeiten. 

Zudem  ist an unserem Exemplar deutlich zu erkennen, dass der Formschneider sich bei Bild 1  noch alle Mühe gegeben hat, 

das Original (siehe oben) möglicht getreu zu kopieren. Im weiteren Verlauf jedoch hat er dieses Vorhaben aber dann rasch 

fallen lassen. Der Stil ändert sich frappierend, er wird einfacher, gröber.

Entweder war ihm das genaue Kopieren der feinen Details zu mühsam, oder er entschied sich aus Zeitgründen für einen 

rascheren weil reduzierten Stil. In diesem Fall stand also die Ästhetik nicht an erster Stelle sondern das Vorwärtskommen. 

Vielleicht hat das erste Bild auch ein qualifizierter Formschneider angefertigt und alle weiteren Motive ein Lehrling?

 

 

Die Bilder

Hier muss man besonders bei den Gesichtern aufpassen. Da wir seit dem Babyalter lernen, 

Gesichter aufs Genaueste zu "lesen", fällt es uns sofort auf - quasi auf den ersten Blick - wenn 

etwas mit dem Gesichtsausdruck nicht stimmt, ganz besonders bei den Augen. 

Alles andere, ob z.B. das Bett zwei Füße oder die Hand drei Finger hat, bemerken wir erst nach 

langem Hinsehen oder gar nicht. 

Also: die Augen bis zum Schluss aufheben und sich dafür ein Skalpell ausleihen.

Auch andere filigrane Elemente - Gesichter, Haare, Mähne, Faltenwurf - spart Euch bis zuletzt auf.

Am Schluss der Arbeit ist man viel vertrauter mit dem Material und der Technik und kann das Eisen 

wesentlich sicherer führen.

Ist die Nase erst einmal ab, besteht nur noch die Möglichkeit, sie bei jedem Druck wieder "dran zu malen".

 

 

 

Eine Zeiteinteilung ist sinnvoll!!

 

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Viele konnten bestätigen, dass man etwa nach der zweiten Zeile schneller wird und auch sicherer schneidet.

Auffällig ist heute schon, dass jede Platte vom individuellen Duktus der Schneidenden geprägt ist.

(War zu erwarten, ist aber dennoch spannend zu beobachten.)

Obwohl alle von der gleichen Schriftvorgabe ausgegangen sind, sind die Schriftplatten nicht homogen. 

Die Schneidende bringt ihre eigene Herangehensweise stark ein. Fast jede hat eine andere Technik entwickelt.  

Können wir daraus den Schluss ziehen, dass das Original von einem einzigen Handwerker 

geschnitten wurde, da sich der Duktus im gesamten Buch nicht ändert?

Oder waren mehrere Schneider am Werk, die aber alle auf einem vergleichbaren Könnensstand

waren und die Platten sich daher nicht voneinander unterscheiden? 

Wenn also nur ein einziger mit der Schneidearbeit - zumindest der Schriftplatten - 

befasst war, was würde dies für den zeitlichen Rahmen solch einer Auftragsarbeit bedeuten?

Es würde wesentlich länger dauern. 

Selbst wenn wir von einem Zeitaufwand pro Platte von 7 Tagen ausgehen, hätte der Auftraggeber

etwa 1/4 Jahr auf die fertigen Bücher warten müssen. (Vorausgesetzt, ein zweiter Schneider 

arbeitete parallel an den Bildplatten.)

Die Frage stellt sich: warum beschäftigte man nur einen Schriftschneider? 

- wollte man den ungleichmäßigen Duktus vermeiden weil man ihn als ästhetisch unbefriedigend empfand,

  und rangierte vielleicht ästhetische Qualität vor Termindruck?

- War man über das Tempo der Blockbuchdruckerei ohnehin so entzückt, dass man  die

  Möglichkeit zur Effizienzsteigerung durch mehr Schneide-Personal gar nicht wahrnahm?

- Waren zu wenig qualifizierte Kräfte vorhanden?

- die Werkstätten waren klein und noch nicht auf Massenproduktion eingestellt?

- die Handwerker waren Autodidakten, Ordensbrüder, die zwar kein Geld hatten aber dieses Buch

in hoher Auflage benötigten und daher selbst zum Werkzeug griffen.

 

Die Frage, ob derjenige auch selbst vorgeschrieben hat, kann von hier aus nicht beantwortet werden. 

Wahrscheinlich ist, dass der Schneidende lesen und schreiben konnte,

da im Text keine verunglimpften Buchstaben auftauchen - wie etwas bei den Römersteinen.

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Probedrucken (Anzeigenwechsler)

Eingefärbter Schnitt und Probedruck

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Nachtrag zum 5. 7.

Der komplette Druckstock

 

 

 

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Mehr zum Thema Binden.

 

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