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Tanja Leonhardt: Eröffnungsvortrag auf der Fachtagung "Alphabetisierung und Grundbildung" im Rahmen der Weltalphabetisierungs-Dekade und in Zusammenarbeit mit dem "Bündnis für Alphabetisierung", vom 4. bis 6. November 2009 in Hannover
Dieser Vortrag wird noch einmal in leicht abgewandelter Form unter dem Title: "Wozu Schreiben heute?" am 24. 2. 2010, 19:00 Uhr im Offenbacher Klingspor Museum zu hören sein.
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Denn
was man schwarz auf weiß besitzt...
Meine Damen und Herren,
Für
den Einstieg ins Thema „Alphabetisierung und Kunst“ habe ich Ihnen Bilder,
Gedichte, Musik und Filme mitgebracht – meine Bitte: Lassen Sie einfach alles
so auf sich wirken, wie es Ihnen gerade heute gefällt und gut tut. Sie dürfen
den Assoziationen folgen, wohin sie Sie auch immer führen, denn eine der schönsten
Eigenarten der Kunst ist: Sie fordert nicht, sie ist
Freiheit, und sie ist immer mehr.

Sprache ist wichtig, so wichtig, dass Ludwig Wittgenstein darüber sagte: “Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner selbst“, oder Samuel Beckett, durchaus resignativ: “Wir sind aus Worten gemacht, eine Wirklichkeit jenseits der Worte können wir nicht erreichen“.[1]

Ganz klar, dass sich Künstler die Sprache zum Gegenstand erwählen, besonders
auch in schwierigen Zeiten, denn Sprache greift radikal. Dabei ist es absolut
schlüssig, dass die kompromissloseste Zertrümmerung der Sprache und ihrer
Semantik in jenen Zeiten begann, als Europa auf die Katastrophen der beiden
Weltkriege zusteuerte. Dekonstruktion und Herlauslösung der Sprache aus ihren
herkömmlichen Sinnbezügen ist seit den Dadaisten ein probates Mittel der
Kunst.
Siehe
z.B. Paul
Klee, "Anfang eines Gedichtes" oder Cy
Twobmly: Letters of resignation
Dennoch
ist Sprache der Schlüssel zu unserem Erfolg als Spezies. Mittels
differenzierter Kommunikation wurde das Leben des Menschen komplexer,
spezialisierter – und immer erfolgreicher. Dann kam die Schrift hinzu, und der
Informationstransfer wurde noch viel breiter angelegt. Wissen konnte aufbewahrt
werden, unabhängig von Zeit und Person. Der Fortschritt der Gattung Mensch
bekam durch die Schrift einen ungeheuren Push.
Wissenschaft und Technik kulminierten bis hin zu ... ja, bis zu welchem Punkt?
Wo befinden wir uns heute, im sogenannten Informationszeitalter? Was hat sich verändert seit jenem fernen Moment, da Aristoteles mit seinem Schüler Phaidros die Rätsel der Welt in einem Frage- und Antwortspiel zu lösen verstand?
Etwas
Entscheidendes hat sich geändert: Die Gewichtung
des gesprochenen Wortes, denn für die Philosophie besitzt das geschriebene
Wort kaum Relevanz - es wird als das
„tote Wort“ gehandhabt. [2]
Lebendig
und in der Lage, alles Lebendige[3]
zu berühren, ist von jeher nur das gesprochene Wort.

Was
aber meint „lebendiges Wort“?
Nun, beim Sprechen entwickelt man einen Gedankengang in Beziehung zu einem Gegenüber. Im Denken ist das Gegenüber man selbst – aber es gibt immer ein Gegenüber. Sprechen ist Ausholen auf den Anderen. Redend kann ich auf die Situation, auf Einwände oder Vorschläge eingehen. Ich bin Teil der Empirizität und Sinnlichkeit der Welt. Sprache ist Ansprache, nach Martin Buber, dem großen Denker des DU, und er sagt auch: „Sprache ist das aussendbare Element der Seele. Sprache hat das Dazwischen zum Ort.“ [4]

(mehr zu Holzbuchstaben hier)
Die
Einheit zwischen Schreiben und Lesen ist jedoch nur eine scheinbare. Gedrucktes
löst sich von seinem Schöpfer, wird uneinholbar, unveränderbar. Es ist
schutzlos nahezu jeder beliebeigen Lesart, Vereinnahmung und Interpretation
ausgeliefert.
„Der Schöpfer hat keine Gewalt über sein Werk. Schreiben
heißt, die Verbindung des Sprechens mit dem Selbst kappen“ -
auch der französische Philosoph
Maurice Blanchot sieht das Schreiben in unmittelbarer Nähe zum Sterben.
Philosophisch
betrachtet ist es also überhaupt kein Beinbruch, nicht lesen oder schreiben zu
können. Wer reden und zuhören kann, der besitzt
die Sprache und hat Teil am großen Diskurs des Homo Sapiens, an allem, was sich
zwischen Mensch und Mensch und zwischen
Mensch und Gott begeben kann.[5]
Ich
muss an dieser Stellen nicht aufzählen, welche Probleme es im Alltag
verursacht, nicht lesen oder schreiben zu können, ich denke, das ist allen hier
zur Genüge bewusst und soll auf keine Fall bagatellisiert werden. Ganz klar,
wir müssen all unsere Kräfte einsetzten, damit alle Menschen aus diesem
Teufelskreis heraus kommen. Aber wir dürfen nicht vergessen, auch für eine
Gesellschaft zu kämpfen, in der Analphabeten nicht so grausam fallen. Denn wo
dies geschieht, fallen alle anderen früher oder später auch.
Vor Irrtum rauchende
Doch ein wandelndes Weltall geschaffen
Mit der Sprache des Atems?
Nelly Sachs
Ich möchte ein Bild vorschlagen: Nehmen wir an, Sprache sei für den Menschen so lebenswichtig wie Wasser. Wenn Sprache wie Wasser ist, kann sie auch in verschiedenen Aggregatzuständen erscheinen. Gesprochenen Sprache sei demnach
das fließende Wasser, das Geräusche verursacht,

in Bewegung, im Fluss, unterwegs ist,

Distanzen überbrückt, sich mit Sauerstoff anreichert,

Geschöpfe gedeihen lässt und verwirft, Dinge transportiert und ablagert.
Wir können es uns unmittelbar einverleiben und wir werden von ihm geformt.
Sprechen
ist Ausdruck von der nie endenden Suche (Bewegung) nach dem Du.
Und
Gottfried Benn:
Kommt,
reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.
Kommt,
reden wir zusammen,
wer
redet ist nicht tot.
In meinem Bild wäre dann die gedruckte Sprache – ja, und jetzt wird es etwas schwierig. Ich würde sagen, dass sie der gasförmige Aggregatzustand ist.

Lassen Sie mich erklären warum: Nebel gibt es nur bei Windstille. Nichts bewegt
sich, nur der Nebel wabert um uns herum. Er steht da, unvertreibbar,
undurchdringlich, und isoliert uns von einander.
Hermann
Hesse empfindet schmerzlich:
„Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.“
[6]
Ich glaube, dies ist es, was das gedruckte Wort mit Vorliebe tut: uns isolieren. Wir sind allein mit ihm, welches keine lebendige, atmende Person mehr als Referenz vorweisen kann. Sein Schöpfer bleibt hinter der Nebelwand verborgen und anonym. Es kreiert eine autonome Autorität, die fast nicht mehr entmachtbar ist. Dennoch müssen wir uns mit ihm auseinandersetzen. Und so beginnt unser einsamer, an niemanden gerichteter Monolog. Das großartige WIR, von einem ICH zum DU, ist verschwunden. Das gedruckte Wort besitzt nicht mehr die Textur des Lebendigen. Es ist einheitlich gesichtslos wie Nebeltropfen, in ihnen verstummt jedes Geräusch.
Ich
denke, nur der Kunst ist es möglich, Sprache eine sichtbare Form zu geben, in
der sie dennoch lebendig bleiben kann. Denn im Universum der Kunst herrschen
andere geistesphysikalische Gesetze. Hier kann Festes fließen und Schweres
schweben. In der Kunst geht es immer um
ein Auffinden des DU:
„aber das Gedicht spricht doch! Unentwegt hält es auf das Andere zu. Es
ist ein Aufsuchen des Gegenüber, wird Gespräch – oft ist es verzweifeltes
Gespräch.“ Paul Celan
Was aber ist mit dem Loblied, dass kein Geringerer als Goethe auf das gedruckte Wort singt, das Zitat kennen wir alle: „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“

Ja stimmt denn das alles gar nicht, was ich gerade abgeleitet habe? Fast möchte man es meinen, denn mal ehrlich, wer versteht das Zitat nicht als positives Votum für das gedruckte Wort? Und es ist die große Tragik unserer Gesellschaft, dass diese Auffassung so weit verbreitet ist. Sie hat sich schon ganz tief in uns hineingefressen, und – sie ist falsch. Wenn man sich nämlich anschaut, woher dieses Zitat stammt, wird man im Faust I fündig, ziemlich zu Beginn, als der Teufel (Mephisto) im Studierzimmer des Gelehrten Faust ist, gerade als ein Schüleranwärter vorspricht, der von dem berühmten Doktor aufgenommen werden will. Mephisto übernimmt es, das Bewerbungsgespräch zu führen und macht sich einen Spaß daraus, die Blödheit des Anwärters zu demaskieren. Heraus kommt, dass dieser Schüler faul, dumm, willensschwach und vergnügungssüchtig ist.

Vom Teufel persönlich
herausgekitzelt, lässt Goethe also diese dummdreiste Figur jene Worte
aussprechen. Wir müssen daher davon ausgehen, dass vielmehr das Gegenteil
gemeint ist.
Der
Schüler hatte nie die Absicht, fleißig zu lernen, ihm genügte das Blendwerk,
der fake. Aber auch Faust, der ja alles auf das Genaueste gelesen und
studiert hat, fühlt sich leer und beklagt sein Wissen, das ihm Depression und
Ekel gebracht hat - keine Ruhe, kein Verstehen. In doppelter Hinsicht warnt uns
Goethe also von dem gedruckten Wort, das uns so fest im Würgegriff hat.
Und
noch ein anderer thematisiert genau diesen Umstand in einem Gedicht, der
Romantiker Novalis im Jahre 1800:
„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller
Kreaturen,
wenn die so singen oder küssen mehr als die Tiefgelehrten
wissen, ...,
dann fliegt von einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen
fort.“ [7]
Deutlicher
geht es kaum noch.
(mehr zu Seidenbüchern hier)
Und
dennoch ist für uns tatsächlich nur dasjenige von Wert, was wir schwarz auf
weiß besitzen. Ach, wir Armen!
(Adorno spricht angewidert von unseren „Aneignungsmechanismen“.)
Schwarz
auf weiß sind die Bits und Bytes der Computer, die Zahlenreihen der Börsenkurse,
die Eheverträge und Besitzurkunden, genetische Codes und die Patentrechte
darauf, die Namen auf Deportationslisten, ...
Von
diesem allmächtigen Schwarz und Weiß ausgeschlossen zu sein, muss katastrophal
sein. Nicht weil die Natur es so
vorgibt, sondern weil wir gesellschaftlich an einem Punkt angekommen sind, an
dem das großartige Phänomen Sprache in einem gasförmigen Zustand verharrt, in
einem immerwährenden und zunehmend dichter werdenden Nebel, der uns total
vereinsamt und auskühlt.
In seinem innersten Kern ist
Kunst immer ein Anschreien gegen den Dunst.

Ein kurzer Blick auf die Psychotherapie zeigt, dass die Seele eines Menschen über zwei Wege erreichbar ist: Über den Körper und über die Sprache. Die Sprache aber muss gesprochen werden. Kein Therapeut legt seinem Klienten ein Buch hin und sagt: „So, lesen sie das mal und es wird Ihnen schon besser gehen.“ Der Therapeut ist gemeinsam mit dem Klienten als Team „auf der Suche nach einer Bewegung der Seele, die sich in die Macht der Sprache begibt“ (Hunter Beaumont).

Sprachwerdung kann heilsam sein, aber immer nur in einem dualen System. Die Seele sehnt sich unglaublich danach, erkannt zu werden. Wer einen guten Freund hat, eine Person, mit der man gemeinsam auf die Suche nach diesen verborgenen Strukturen des Inneren gehen kann, der weiß, wie beglückend solch ein Gespräch ist.
Noch
eine kurze Anmerkung aus der Sozialstatistik dazu: Im durchschnittlichen
deutschen Elternhaus wird am Tag 8 Minuten mit den Kindern geredet. Der
durchschnittliche männliche Teenager verbringt dagegen zwischen 3 und 5 Stunden
vor dem Bildschirm.
Nun stehe ich aber als Schriftkünstlerin hier und will daher einen dritten Aggregatzustand vorschlagen, denn was ist mit dem Eis?
Video Eis & Handschrift

Für mich ist Eis die handgeschriebene Schrift.

Auch sie ist bewegungslos, aber nicht strukturlos.

Sie trägt in der individuellen Ausprägung die Person noch in sich, sicher geborgen wie ein offenes Geheimnis.

Das ist ein großes Potenzial für uns Einsame, auf der Suche nach Individualität und Zugehörigkeit.

Ein Beispiel: Können Sie sich die Handschrift Ihres Vaters oder der Großmutter
vorstellen? Ich gehe davon aus, dass Sie das können. Welche Schublade zieht die
Erinnerung dabei auf? Graphische Formen? Lateinische Ausgangsschrift? Nein,
diese Erinnerung ist ein Erinnern der Person
und der emotionalen Qualität unserer Beziehung. Handschrift und Emotion sind
untrennbar verknüpft. Genau so, wie auch Sprache durch emotionale Aufladung
gelernt wird – „Mama“ ist zunächst und an aller erster Stelle kein phonetisches
Phänomen – so nehmen wir auch Handschrift durch das Prisma der Emotion
wahr. Dies ist eine Ressource und somit ein Geschenk, das uns die Handschrift
macht - und für mich der schönste Grund, überhaupt Schreiben lernen zu
wollen. In der Handschrift flüstern die Verstorbenen ihr Immernochda.

Achims
Wiegenlied: Dieses Liedchen gehört dir ganz allein, mein lieber Achim, denn ich
schrieb´s nur für dich! Dein Papa
In dem Flohmarkt-Fundstück "Achims Wiegenlied" gibt ein Vater seinem kleinen Sohn drei mächtige Engel mit auf den Weg - weit über seine biologischen Grenzen hinaus: Den Engel seiner Liebe, den der Musik und den der Schrift.
Handschrift
steht dem gesprochenen Wort sehr nahe. Wie dieses ist sie an den Körper
gebunden, trägt seine „Erblasten“. Sprache liegt auf dem Strom des Atems.
Schrift fließt aus dem Pochen der Adern einer Hand. Und in diesem Gedanken
schließt sich für mich ein ganz wichtiger Kreis, nämlich, dass Reden,
Schreiben und Lesen Tätigkeiten sind, die ohne diesen Körper, der da unter dem
Gehirn dranhängt, gar nicht ausgeführt werden können. Das Gehirn ist nicht
Selbstzweck, sondern zunächst nur ein „Körpererhaltungsinstrument“ (Gerald
Hüther). Aristoteles wusste, dass Seele und Leib untrennbar sind. Und ein
neuerer Philosoph, Maurice Merleau-Ponty, formuliert: „Der Leib ist unser Mittel, überhaupt eine Welt zu haben.“
Wenn
es uns gelänge, beim Leben und Lernen wieder unseren Körper
„einzuschalten“ und wahrzunehmen, Emotionen als Primer
zuzulassen, vielleicht sogar bewusst einzusetzen, anstatt auf Angst und
Wettbewerb auf Neugier und Gemeinschaft zu bauen – wenn uns das gelänge,
Lernen würde wider zum Kinderspiel.
Ich
habe Ihnen zum Abschluss noch einen Film mitgebracht, in dem es u.a. um ein
Liebesgedicht von Else Lasker-Schüler geht:
„Ich will der Tau deiner Frühe sein,
deiner Abend Sehnsucht pochendes Amen“.
(mehr zur Hautschrift hier)
Ich
wünsche uns allen eine Tagung der lebendigen Worte und danke Ihnen sehr!
![]()
[1]
Vergl. Walter Benjamin: „Über Sprache überhaupt und über die Sprache
der Menschen“: „Es gibt kein Geschehen oder Ding, weder in der belebten
noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an Sprache teilhätte,
denn es ist jedem wesentlich, seinen geistigen Inhalt mitzuteilen. (...) Das
geistige Wesen des Menschen ist die Sprache.“
[2]
„Bei all den ,Ausgängen‘ die dieses Leben aus der Selbstgegenwart ins
Exil des Anzeichens vertreiben, kann man versichert sein, dass die Anzeige,
die bis hierher fast die gesamte Oberfläche der Sprache abdeckt, der
Prozess des Todes ist, der in den Zeichen am Werk ist. Und sobald der Andere
erscheint, lässt sich die anzeigende Sprache – ein anderer Name für die
Beziehung zum Tod – nicht länger ausstreichen.“
Aus: Jacques Derrida: „Die Stimme und das Phänomen.“
[3]
„Die Seele (anima) ist der Grund (archái) des Lebendigen“
(Aristoteles).
[4]
Vergl. auch Emmanuel Lévinas „Michel Leiris – Die Transzendenz der Wörter“:
„Ist denn Ausdruck nur Manifestation eines
Gedankens durch ein Zeichen? Eine schematische Vorstellung, die von
Geschriebenem nahegelegt wird: von entstellten Worten, „gefrorenen
Worten“, in denen Sprache bereits in Dokumente oder in Spuren verwandelt
ist. Das lebendige Wort sträubt sich gegen dieses Umschlagen des Denkens in
Spuren, sträubt sich gegen den Buchstaben, der auftritt, sobald es
niemanden zum Zuhören gibt. (...) Sprechen
heißt, meine Untertanen- und Lehrerexistenz zu unterbrechen, ohne
mich zur Schau zu stellen: indem ich Subjekt und Objekt gleichzeitig
bewahre, Meine Stimme bringt das Element hinzu, das diese dialektische
Situation konkret vollendet. Das sprechende Subjekt stellt die Welt nicht in
Bezug zu sich selbst vor (...) sondern in Bezug zum Anderen. Dieser Vorzug
des Anderen ist nicht mehr
unverständlich, sobald wir anerkennen, dass die Grundtatsache der Existenz
weder das Ansich noch das Fürsich,
sondern das Für-den-Anderen ist;
anders gesagt, dass die menschliche Existenz Kreatursein ist.“
[5] E. Lévinas in „Roger Laporte und die Stimme tiefsten Schweigens“: „Auf ihr Wesen gebracht, ist Sprache vielleicht der Tatbestand, dass ein einziges Wort ständig hervorgebracht wird, das kein gedachtes Sein bezeichnet, sondern eine Bewegung über das Sein hinaus und über das Denken hinaus beschreibt, in der das Sein sich spiegelt und reflektiert. Genauer, das Vortragen selbst geschieht außerhalb des Denkens. Deklamieren heißt Derilieren. ( Le dire est délire) (...) Sprache ist der Tatbestand, dass ein einziges Wort ständig hervorgebracht wird: Gott.“
[6]
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll
von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich,
keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
[7]
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
